Tour de Suisse
Vier Tage Rennrad in Davos, das war der Plan. Christoph und ich hatten die Routen schon im Kopf, die Pässe ausgesucht, das Hotel gebucht. Dann, wenige Tage vor der Abfahrt, kippt die Wettervorhersage. Mitten im August: Wintereinbruch in den Hochalpen, Schnee bis hinunter nach Davos.
Wir hätten absagen können. Stattdessen orientieren wir uns neu, kürzen den Hotelaufenthalt in Davos und planen den Umzug ins Rhônetal, wo die Sonne fast immer scheint. Aus dem Davos-Urlaub wird eine Tour quer durch die Schweiz.
1. Tag
Winter im August
Am Morgen liegt Schnee auf den Gipfeln und die Straßen von Davos sind nass. An Fahren ist erst mal nicht zu denken. Also wechseln wir die Disziplin und gehen Wandern. Wir steigen hoch zur Schatzalp, lassen den Vormittag vergehen und schauen zu, wie die Straße langsam abtrocknet.


Am Nachmittag geht es dann doch noch aufs Rad. In Winterklamotten rollen wir durch das Dischmatal und das Sertigtal. Einsam, still, beide Täler sind menschenleer. Wer fährt auch sonst schon im August mit langen Ärmeln und gefütterten Handschuhen?



2. Tag
Transfer-Etappe
Die Vorhersage gibt uns über Sonntagmittag ein trockenes Fenster. Das nutzen wir. Mit dem Auto starten wir in Richtung San Bernardino und stellen es in Hinterrhein ab. Die Sonne kommt langsam raus. Die Anfahrt ist nur kurz und schon bald klettern wir durch enge Serpentinen nach oben. Weiter oben wird es karg und alpin, der Wald weicht Geröll und Gras. Über die Kuppe rollen wir ein Stück hinab, drehen um und fahren vom gleichnamigen Ort noch einmal hinauf, bevor es zurück zum Auto geht. Der Transfer ins Rhônetal führt bei strömendem Regen über den Furkapass. Doch irgendwann kommen wir in Varen an und das Wetter hält Wort: hier ist es freundlich und trocken. Vorfreude auf Morgen kommt auf.





3. Tag
„I’m gone. I’m dead.“
Heute steht die Königsetappe an. Der Col de la Croix de Coeur ist das Dach dieser Tour, ein langer, zäher Anstieg. Schon die Anfahrt durchs Tal zieht sich endlos. Der untere Teil der Auffahrt verläuft auf einer breit ausgebauten Straße mit mehreren kurzen Tunneln. Nach dem Skiort Tzoumaz wird es schlagartig ruhig. Die letzten Kilometer rollen über eine Naturstraße, die sich überraschend gut fahren lässt, doch Rhythmus findet man hier keinen. Mal flach, mal steil, dazu die lange Anfahrt in den Beinen: der Berg fordert mir einiges ab. Oben ist es kalt, bibbernd und zitternd fahren wir über Verbier ab.
Doch noch ist nicht Schluss, wir müssen zurück in das andere Tal. In Villette halten wir kurz am Brunnen, füllen die Flaschen auf, dann der zweite, viel kleinere Anstieg: der Col du Lein. Erst durch offene Wiesen, dann in den Wald hinein. Oben ein kurzes Schotterstück, über die Kuppe hinweg, und hinunter durch den Wald mit kurzen Ausblicken auf das Rhônetal. Der Berg hat zwei Gesichter, je nachdem, von welcher Seite man kommt.
Der Heimweg ist lang. Ich fühle mich jetzt grau, leer, ausgelaugt. Christoph nimmt mich ans Hinterrad und zieht mich die letzten Kilometer nach Hause.


4. Tag
Ausrollen
Am letzten Morgen noch einmal raus, zum Ausrollen. Bei konstanten neun Prozent geht es hinauf und über eine schnelle Abfahrt zurück ins Tal. Kurz, knackig, ein sauberer Schlusspunkt.



Von Davos haben wir kaum etwas gesehen. Den Schnee aber haben wir umfahren, die Sonne gefunden und vier Tage erlebt, die so gar nicht geplant waren. Und gerade deshalb in Erinnerung bleiben.